Treffen von Politikern und Migranten

Einige der Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Treffen von Migranten und politikern. Bild: Michael Robrecht, WB

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Migranten treffen Politik: Erstes Gespräch über Strukturen, Angebote und Probleme in Höxter

In Berlin gibt es regelmäßig den großen »Integrationsgipfel«. In Höxter hat sich jetzt die Kommunalpolitik erstmals mit Migranten an einen Tisch gesetzt. Die Ratsfraktionen stellten ihre Arbeit vor, die Menschen mit Migrationshintergrund sprachen Alltagsprobleme in der Stadt an. Das »Miteinander reden« diente auch dem Ziel, auf kommunalpolitischer Ebene die Migranten stärker in Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Um die 50 Gesprächsteilnehmer im Ratssaal waren ein guter Anfang, meinten die Initiatoren von Komm-In-Projekt und VHS. Wahlrecht, Gutscheine für Asylbewerber, Zustände im Asylbewerberheim, Integrationshilfen, Sprachkurse, Schule, Kindergarten, Religion, ausländische Vereine, Vorurteile - alle heißen Eisen kamen auf den Tisch und wurden zwei Stunden sachlich unter der Leitung von VHS-Chef Rainer Schwiete diskutiert. Höxters Bürgermeister Alexander Fischer (SPD) nannte die oft fehlenden Sprachkenntnisse als große Hürde für eine erfolgreiche Integration. So ein Abend könne dazu beitragen, mehr über die Spielregeln eines Zusammenlebens und Hilfen zu erfahren.

Menschen mit Migrationshintergrund seien in Höxter in Entscheidungsgremien unterrepräsentiert. Ludger Roters (Grüne) wies darauf hin, dass mit Dilek Öndüc und Najib Ahmadsadah, Migrantinnen aus der Türkei und Afghanistan, bei der Ratswahl 2009 in Höxter erstmals Kandidaten mit deutscher Staatsbürgerschaft, aber mit ausländischen Wurzeln für die Grünen kandidiert hätten. Für Stefan Berens (CDU) ist die Nähe zu allen Bürgern bei der Gestaltung von Kommunalpolitik entscheidend: Die Beteiligung der Basis oder die Aufstellung eines Bürgerhaushalts, wo alle ihre Vorstellungen einbringen könnten, seien heute ein Thema. Und wenn sich die vier CDU-Bewerber für das Bundestagsmandat in Höxter 85 Interessierten vorstellten, dann sei das die richtige Form, die Menschen mit einzubeziehen. Bei der CDU seien alle willkommen. Werner Böhler (SPD) regte an, dass Migranten auch Gastmitglied in Parteien wie der SPD werden könnten. Gerne dürften sich die Menschen auch an Themendebatten in der Partei beteiligen. Jürgen Dähling (UWG) sieht in der Vereinsmitgliedschaft einen viel versprechenden Weg zur Integration. Gerade Kinder und Jugendliche hätten hier die große Chance, Kontakte zu knüpfen und auch Deutsch zu lernen. 

Asylbewerberheim: In der Frage-Stunde wurde der Umzug der Asylbewerber aus der Unterkunft Lütmarser Straße nach Lüchtringen in ein neues Haus angesprochen, weil das Asylbewerberheim in der alten Preußenkaserne dringend renoviert werden muss. Zur Kritik, die Asylbewerber seien von Höxter abgeschnitten, bemerkte Marianne Heinemeyer (SPD), dass durch Handys und I-Phones heute niemand mehr isoliert sei. Zudem sei Lüchtringen stets ein offenes Dorf.

Sprachförderung: Auf die Kritik einer jungen Friseurin mit Migrationshintergrund, in Höxter gebe es zu wenig Sprachförderung für ausländische Kinder, erwiderte CDU-Ratsfrau Heide Schleip, dass man mit der Sprachstandserhebung für Vierjährige in den Kindergärten ein großes Stück weitergekommen sei und heute Kinder früh gefördert werden könnten. Aber auch die Eltern müssten hier mithelfen und auf die Verantwortlichen in Kindergärten, Schulen und Stadt zukommen sowie Kinder anhalten, in die Vereine zu gehen. Werner Böhler fehlt ein verpflichtendes letztes Kindergartenjahr für alle.

Gremien: Ein Ausländerbeirat ist in kleinen Städten wie Höxter unüblich, kommt eher in Großstädten vor. Höxter hat bereits einen Behindertenbeirat, einen Seniorenbeauftragten und hat sich an einem Jugendparlament versucht. Karin Wittrock (CDU) kann sich aus dem Kreis der Migranten jemanden als beratendes Mitglied in einem Ausschuss vorstellen.

Zusammenleben: Katrin Knipping, Mitarbeiterin des Jobcenters Höxter, berichtet, dass viele junge Leute mit Migrationshintergrund inzwischen Abitur machten und sich stolz mit ihrem Abi-Schnitt bei ihrer Beraterin meldeten. Adolf Späth forderte die Höxteraner auf, eine gute Nachbarschaft mit den Migranten zu pflegen. Er sei kürzlich beim Äpfelpflücken aus dem Baum gefallen: Den Rest des Obstes hätten seine türkischen Nachbarn für ihn geerntet.

Schullaufbahn: Karen Sedrakyan (20), angehender KWG-Abiturient in 2013, der 2010 von der Abschiebung nach Armenien bedroht war und damals Schlagzeilen machte, lobte die vielen Möglichkeiten der Förderungen, die man ihm in Höxter eröffnet habe. Als er vor vier Jahren nach Deutschland gekommen sei, habe er kaum Deutsch gesprochen. In Hauptschule und KWG habe er viele Förderstunden erhalten, so dass er heute kurz vor dem Abitur stehe. Karen, dessen bis Juli 2013 gültige Duldung Ende des Jahres überprüft wird, hofft, dass er nicht nach Armenien muss, weil ihm dort Haft und Militärdienst drohen. Er möchte später Jura oder BWL studieren oder ein Duales Studium beginnen.

Artikel im Westfalen-Blatt vom 24.10.2012 von Michael Robrecht

 

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