Petra Gerster begeistert das Publikum in Corvey

Zu einer Lesung mit Petra Gerster hatte die Volkshochschule in Zusammenarbeit mit dem Kulturkreis Höxter-Corvey in das Schloss Corvey eingeladen. 300 Besuchern im ausverkauften Kaisersaal  wollte hören und sehen, was die beliebte ZDF-Moderatorin zum Thema Bildung zu erzählen hatte.

 

 

"Charakter - Worauf es bei Bildung wirklich ankommt" heißt der Titel ihres Buches in dem sie sich mit dem Thema kritisch auseinandersetzt und für mehr Werte und Herzensbildung plädiert. Mit Bildung allein ließ sich weder das NS-Regime verhindern noch die Abzockerei auf den Finanzmärkten aufhalten. Dazu bedarf es mehr als Wissenserwerb oder einem „Set an Kompetenzen“.

Werte und gute Charaktereigenschaften sind gefragt. Dinge in größeren Zusammenhängen zu sehen, Fähigkeiten zu werten aber auch zur Begeisterung oder zur Freundschaft gehörten dazu genau wie eine Genussfähigkeit bei gleichzeitiger Konsumdistanz.

Ganztagskindergärten und -schulen mit einem anspruchsvollen Bildungsprogramm, forderte die Referentin, wobei die Themen auch besser ineinander verzahnt sein müssen, u.a. um Defizite im Elternhaus auszugleichen. Dazu gehört aber auch der gute Lehrer, der die Kinder für die Themen begeistern kann.

VHS-Leiter Rainer Schwiete dankte und verabschiedete den prominten Gast in der Hoffnung, auch ein bisschen für Corveys Weg zum Welterbe zu werben. Im Vorfeld zeigte sich Petra Gerster bei einer Führung beeindruckt über die potentielle Welterbestätte.

Beim gemütlichen Ausklang vor dem Schloss wurden noch zahlreiche Bücher von ihr signiert und das Thema in gemütlicher Atmosphäre von den Besuchern diskutiert.

 

Artikel aus dem Westfalen-Blatt vom 6. Juni 2013

»Kinder brauchen Kümmerer«

Petra Gerster liest in Corvey aus ihrem Charakter-Buch

Höxter (WB). »Bildung schützt vor Dummheit nicht, Religion und humanistische Erziehungen verhindern Verbrechen nicht«, mit dieser provozierenden These hat die ZDF-Nachrichten-Moderatorin Petra Gerster ihre Lesung in Corvey aus »Charakter – Worauf es bei Bildung wirklich ankommt« eröffnet.

Begrüßt vom Leiter der Volkshochschule Höxter-Marienmünster, Rainer Schwiete, stellte Petra Gerster Thesen aus ihrem jüngsten, gemeinsam mit Ehemann Christian Nürnberger verfassten Buch vor. Der Abend im ausverkauften Kaisersaal des Schlosses Corvey wurde veranstaltet von der VHS Höxter-Marienmünster und dem Kulturkreis Höxter Corvey.

ZDF-Moderatorin Petra Gerster signiert nach der Lesung ihr Buch "Charakter". Andrea Duurland (Mitte) und Susanne Weide stehen ihr zur Seite.

Petra Gerster wählt den katastrophalen Einschnitt, den das Dritte Reich für die Bedeutung Deutschlands als weltweit anerkannte Kultur- und Wissenschaftsnation gebracht hatte, zum Ausgangspunkt. Mit »Goethe schützt vor Goebbels nicht« brachte sie die Entwicklung auf den Punkt, dass es bei aller humanistischen Bildung, bei aller Wettbewerbsfähigkeit, bei aller religiösen Bindung zu dieser ebenso verbrecherischen wie selbstzerstörerischen Katastrophe gekommen war.

Die geistige Elite sei außer Landes getrieben worden, im KZ ermordet oder im Krieg ums Leben gekommen – ein Aderlass von dem sich Deutschland noch nicht erholt habe. Grund für diese Blindheit sei die weite Verbreitung des so genannten »autoritären Charakters« gewesen. Nicht die Niederlage 1945, sondern erst die Studentenbewegung habe dessen Macht gebrochen, stellte sie fest.

Heute sähen die vorherrschenden Charakterstrukturen zwar anders aus, aber auch sie könnten einen Rückfall in die Barbarei gegebenenfalls nicht verhindern. Aktuelle Charakter-Leitbilder seien der »Profi« auf der einen Seite und der »Schnäppchenjäger« auf der anderen, sagte Gerster. Der Profi-Typ sei in den vergangenen Jahren in seiner Ausprägung als Bonus-Banker mit seiner »Söldner«-Mentalität in die Kritik geraten. Aber diese Ausrichtung ausschließlich am kurzfristigen und materiellen Erfolg sei in vielen anderen Berufen vorhanden. »Diese Abkopplung von jeglicher Ethik muss rückgängig gemacht werden«, forderte Gerster.

Der Profi- und der weit verbreitete »Geiz-ist-geil«-Charakter bedingten einander gegenseitig. Aber: »Geiz macht nicht reich, sondern arm«, brachte sie die Tatsache auf den Punkt, dass der Werteverfall nicht nur von Lebensmitteln im Endeffekt Kosten verursacht, die die Einsparungen bei weitem überträfen – beispielsweise solche von Umweltschäden oder Krankheiten.

Diese Charakterstrukturen müssten durch einen vielgestaltigen Bildungsprozess verhindert werden, der sich nicht allein am Wissenserwerb oder an einem »Set an Kompetenzen« orientiere. Die Referentin berief sich bei der Formulierung ihrer Bildungsziele auf den Philosophen Robert Spaemann, für den Bildung Herzensbildung ist. Unter anderem die Fähigkeit zu werten, die Dinge in größeren Zusammenhängen zu sehen, die Fähigkeit zur Begeisterung, zur Genussfähigkeit bei großer Konsumdistanz oder zur Freundschaft gehörten dazu.

Um Defizite im Elternhaus auszugleichen seien Ganztagskindergärten und -schulen unabdingbar, betonte die bekannte Moderatorin. Diese Angebote seien wichtig, um die Kinder an den Nachmittagen ans Musizieren, Theaterspielen oder an die Gartenarbeit heranzuführen. »Viel wichtiger aber als alle Angebote ist, dass die Kinder das Gefühl haben, dass sich jemand um sie kümmert.«

Mit ihrer Fähigkeit, die Dinge ungeschminkt beim Namen zu nennen und lebendig, anschaulich und verständlich zu formulieren, hatte die Referentin die Sympathien des Publikum nachhaltig auf ihrer Seite.

 

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